Nachhaltige Baustoffe und ihre Ökobilanz

Und wieder einmal zu dem Thema, das in den letzten Jahren so viel diskutiert wird: Nachhaltigkeit. Viel verwendet, viel umworben, viel gelobt und selten wirklich angewendet. Das wäre wohl der Status dieses Modeswortes in Kurzform. Auch und besonders das Bauwesen arbeitet aktuell viel mit Nachhaltigkeit. Hier geht es unter anderem um Baustoffe, deren Auswahl immer häufiger durch eine gute Ökobilanz bestimmt wird. Die Materialwahl für Neubau und Modernisierung wird dann beispielsweise von einer langen Nutzungsdauer, niedrigem Energieverbrauch, einer einfachen Rezyklierbarkeit oder geringem Schadstoffinhalt abhängig gemacht. Heere Vorgaben, doch was ist wirklich dran an Baustoffen mit einer guten Ökobilanz?

Nachhaltige Baustoffe. Positive Ökobilanz. Grüne Gebäude. Ewiges Leben. Halleluja!

So oder so ähnlich kann man den Hype um diese Phrasen Begriffe auch beschreiben. Selbstverständlich ist es wichtig, dass man sich bei der Wahl der Baumaterialien Gedanken darüber macht, wo ein Baustoff herkommt, wie er produziert wird, wie er im verbauten Zustand auf Mensch und Umwelt wirkt und was nach seiner Nutzung mit ihm geschieht. Mit den Zertifizierungsmodellen LEED (USA), BREEAM (UK) und DGNB (Deutschland) sowie vielen anderen gibt es mittlerweile auch Möglichkeiten, diese Parameter in einem Bauprojekt zu bewerten. Hinzu kommen noch diverse Gütesiegel und ökologische Produktdeklarationen wie die von IBU oder der Blaue Engel. Doch inwieweit sind lassen sich die Vorgaben dieser Modelle auch wirtschaftlich und sinnvoll in einem Projekt implementieren? Wie gesichert sind die Eingangsdaten und wo besteht Spielraum für Interpretationen?

Schaut man sich die Nachhaltigkeit im Bereich des Wärmeschutzes an, ist das keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Schon vor mehr als 3000 Jahren haben die Menschen ihre Behausungen mit verschiedenen natürlich verfügbaren Materialien gedämmt, um im Winter ein besseres Innenklima zu erreichen, ohne gleich ganze Wälder verheizen zu müssen. Gut, damals geschah das weniger aus Gründen des Umweltschutzes oder der Begrenzung von CO2-Emissionen, sondern eher weil man so weniger Holz schlagen, schneiden, spalten und lagern musste.

Seither hat sich einiges getan, vor allem bei der Palette von Baumaterialien, die heute zur Verfügung stehen. Bei den Wärmedämmstoffen sind es vor allem diejenigen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Flachs, Hanf, Stroh, Holzfaser oder Schafwolle, die nach wie vor als besonders nachhaltig gelten. Bei den konstruktiven genutzten Baustoffen gilt dies für Holz, Lehm, Glas, Stein, Ziegel, Kalksandstein und Porenbeton, da diese mehr oder weniger direkt aus natürlich Rohstoffen hergestellt werden, regional verfügbar sind und zudem eine lange Nutzungsdauer sowie eine leichte Entsorgung versprechen.

Man kann die Medaille natürlich auch einmal wenden und die Argumente von der anderen Seite beleuchten. Dann dreht sich das meist um die Kosten für einen Baustoff. Je ’natürlicher‘ ein Baustoff ist, desto geringer ist der Energieeinsatz bei der Produktion und umso günstiger kann er verkauft werden. Je kürzer der Weg von der Gewinnungsstätte zum Einsatzort ist, desto geringer fallen die Transportkosten aus. Je robuster ein Baustoff ist, desto weniger Geld muss während der Nutzung für Wartung, Sanierung oder Modernisierung aufgewendet werden. Und je einfacher ein Baustoff eingesetzt werden kann, desto billiger ist am Ende in der Regel auch die Entsorgung.

Als ein wichtiges Kriterium bei der Ökobilanz von Baustoffe wird ihr Primärenergieinhalt (PEI) angesehen. Dieser beschreibt, wie viel Energie während Gewinnung, Produktion und Transport in den Baustoff geflossen ist. Das Problem bei der Bewertung dieses Parameters ist jedoch dessen Vergleichbarkeit. Fragt man 10 verschiedene Quellen nach dem Primärenergieinhalt eines Baumateriales, bekommt man bestimmt 9 verschiedene Antworten; und die 10. Quelle hat dann auch nur von einer der anderen 9 abgeschrieben. Und zudem ist Holz nicht gleich Holz, Glas nicht gleich Glas und Ziegel nicht gleich Ziegel. Wie kann man hier also ein Material einem anderen vorziehen? Wie viel man kann über die Herkunft der Rohstoffe in Erfahrung bringen, um sich ein objektiv vertretbares Bild machen zu können?

Die Ökobilanz eines Baumaterials kann man aber auch durch Schadstoffe negativ beeinflussen, die bei der Produktion eingesetzt werden oder entstehen. Sehr beliebt als Zusatzmittel in vielen natürlichen Baustoffen sind Fungizide und Brandhemmer. Diese verbessern die Eigenschaften des Baustoffes wesentlich und machen teilweise dessen Einsatz in einem Bauprojekt erst möglich. Doch die Umwelt könnte auf manche dieser Zusatzstoffe verzichten.

Auch viele Reststoffe der Produktion von Baumaterialien gehen als nachteilig in eine Ökobilanz ein. Genannt sind hier beispielsweise der wasserunlösliche, stark alkalische und damit ätzende Rotschlamm, von dem mehr als 1,5 Tonnen bei der Produktion von 1 Tonne Aluminium entstehen. Generell steht Stahl nicht gut in der Ökobilanz, da für seine Herstellung wertvolle Rohstoffe verbraucht und viel Energie eingesetzt werden muss. Daher ist man bemüht, möglichst viel Stahl wiederzuverwenden. So wird heute nur etwa 1 Drittel des weltweit produzierten Stahls aus neuen Rohstoffen gewonnen, für den Rest wird Altstahl eingeschmolzen. Wer hier der Umwelt etwas gutes tun möchte, der bringt Materialreste oder Bauschutt immer zum Wertstoffhof.

Noch einmal zurück zu den Wärmedämmstoffen. Hier wird häufig argumentiert, dass Dämmstoffe, deren mineralischen Rohstoffe zunächst geschmolzen oder getrocknet werden müssen (z.B. Mineralwolle, Blähglas, Holzwolleplatten oder Schaumglas), wegen des hohen Energieeinsatzes bei der Produktion eine schlechte Ökobilanz aufweisen und damit gemieden werden sollten. Dabei wird nur leider häufig vergessen, dass alle Dämmstoffe – egal ob ’natürlich‘ oder nicht – schon innerhalb weniger Monate in einem Bauwerk mehr Heizenergie einsparen als bei ihrer Produktion aufgewendet werden muss. Bei einer Nutzungsdauer von 30 bis 50 Jahren fallen ein paar Megawattstunden mehr oder weniger dann kaum noch ins Gewicht.

Bei aller Liebe zur Umwelt sollte man also in der Diskussion um die Nachhaltigkeit von Baustoffen und deren Ökobilanz nicht Wissenschaft mit Religion verwechseln. Und auch klein wenig kritisches Hinterfragen der Argumente von Baustoffherstellern und Lobbyorganisationen kann nicht ganz verkehrt sein.

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2 Kommentare

  1. Antonius Mertens-Thomas sagt:

    Nachhaltigkeit ist der Tot der Lobbyisten.
    Wenn ich sehe das in ca. 40 Jahren 780 Millionen m² Polysterol Dämmung produziert und eingebaut wurden und niemals danach gefragt wurde wieviel CO² dadurch ausgestoßenen wurde dann gute Nacht. bei jeder Berechnung nach Enev müsste theorethisch die grau Energie zunächst abgezogen wwerden und dann die Armotisation neu berechnet werden bzw. die ÖKO Bilanz erstellt werden.Ganz zu Schweigen die Entsorgung der WDVS Materialien die bis heute nicht geklärt sind. Der Dämmstoffwahn hat seine Grenzen erreicht. Was ist mit der harmonisierten Norm bezüglich CE Zeichen Punkt 7? Materialien müssen widerverwertbar sein??????????????? Wie geht das denn? Ab 1.7.2013 greift dieses!!!!! jeder Hersteller muss das Handwerk jetzt den Nachweis bringen dass dieser widerum gegenüber seinem Kunden den Rücken frei hat:
    Ganz nebenbei: Das DIBT Berlin hat fleißig in 2012 für alle WDVS hersteller nochmal die Zulassungen bis 2018 verlängert. Ein Schlag ins Gesicht der nachhaltigkeit. Brandschutzmittel im Styropor sind ebenfall bis 2018 weiter möglich weil man keine Lösung hat dieses Gift gegen ein anderes auszutauschen. Gute Heile Welt

  2. Stefan sagt:

    Naja, eine Wiederverwertbarkeit darf ja auch nicht mit einer Wiederverwendbarkeit verwechselt werden. Der Brennwert von Polystyrol ist somit auch ein Wert.
    Ob das allerdings im Sinne des Erfinders ist, überlasse ich mal der subjektiven Meinung der Diskussionspartner.

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