Bringt Wärmedämmung Vorteile?

Kleine Häuser aus verschiedenen DämmstoffenSchon bemerkt? Ich habe in der Überschrift nicht gefragt, welche Vorteile Wärmedämmung bringt, sondern ob sie das tut. Damit folge ich im Groben der populistischen Vorlage, die mir die Medien seit einigen Jahren mit hartnäckiger Konstanz näher bringen wollen. Dort ist von „Wahnsinn Wärmedämmung“ die Rede, von „gefährlicher Dämmung“ und „glutheißen Seen“, von der „großen Lüge von der Wärmedämmung“ und der „Burka fürs Haus“. Der Stern, die Welt, der NDR, die FAZ – mehr oder weniger alle angesehenen Medien verteufeln auf einem ungewöhnlich undifferenzierten Niveau DIE Wärmedämmung. Also: Bringt Wärmedämmung Vorteile, wenn man das Thema objektiv betrachtet?

Ob Wärmedämmung hilfreich ist, in welchem Fall und zu welchem Grad haben wir schon mehrfach erläutert. Hier ein paar Kernaussagen aus vergangenen Beiträgen:
Wärmedämmung – Unfug oder unverzichtbar?

Auf Wärmedämmung kann man nicht verzichten, wenn man einigermaßen bezahlbare Heizkosten und eine schimmelfreie Wohnung haben will. Es kommt halt auf das richtige Maß an und auf das Gesamtkonzept in Zusammenhang mit der richtigen Anlagentechnik.

Ein Universalkonzept gibt es nicht, weswegen ein energieoptimiertes Gebäude immer fallweise entwickelt werden muss. (…) Dies dürfen die Diskussionsführenden bei aller Lobbyarbeit und Egozentrik nicht vergessen!

Was Wärmedämmung kann

(Wärmedämmung) kann einiges an Heizenergie und damit an Kosten einsparen, muss dafür aber gut durchdacht geplant und eingebaut werden.

Apropos ‚Lobbyarbeit‘. In einem der Medienbeiträge wurde nicht ganz zu Unrecht der Einfluss der Dämmstoffindustrie auf politische und sicherheitsrelevante Entscheidungen thematisiert. Beispielsweise wurden der ökonomische Sinn immer weiter wachsender Dämmschichtdicken und Randbedingungen für Tests zur Bestimmung der Baustoffklasse von Dämmstoffen in Frage gestellt, die als sogenannte Hartschäume auf Basis von Erdöl hergestellt werden.

Vor diesem Hintergrund und in Zusammenhang mit der anhaltenden Medienkritik wurde vom Gesamtverband Dämmstoffindustrie (GDI) vor kurzem eine Prestigebroschüre mit dem Titel „Ist Wärmedämmung sinnvoll?“ veröffentlicht. Neben üblichen und zu erwartenden positiven Aussagen werden hierin aber auch einige sehr interessante Punkte angesprochen. So wird die Frage gestellt, wann der technisch und wirtschaftlich passende Moment für eine energetische Sanierung gekommen ist. Neben der Notwendigkeit einer individuellen Betrachtung der Situation wird auch betont, dass

  • im Sinne der Trias Energetica der Energiebedarf des Gebäudes gesenkt werden muss, bevor man über Änderungen der Haustechnik nachdenkt
  • Entscheidungen auf der Grundlage eines langfristigen Sanierungsplans zu treffen sind, der von einem unabhängigen und zertifizierten Energieberater nach sorgfältiger Begutachtung erstellt wird
  • Förderungsprogramme ausgenutzt werden sollten
  • eine energetische Verbesserung von Bauteilen am wirtschaftlichsten ist, die sowieso bald erneuert werden müssten
  • die Leistung der Heizung möglichst genau auf den zu erwartenden Wärmebedarf abgestimmten werden soll

In Bezug auf die Brandsicherheit von Wärmedämmverbundsystemen beantwortet die Broschüre leider immer noch nicht die Fragen, die sich dem Anwender konkret stellen, und es werden politische fragwürdige Entscheidungen angeführt, bei denen sich die Zehnägel eines Praktikers kräuseln. Aber gut, wenn man nur über Brandfälle spricht, die von einem WDVS verursacht wurden, überwiegen die Vorteile die statistisch belegbaren Risiken. Der Ernstfall, bei dem die Brandlast eines WDVS zum Brand beiträgt, könnte statistische anders gedeutet werden – Brandriegel hin, Brandriegel her.

Ohne viel Lobbyarbeit und aus meiner Sicht mit objektiven Argumenten kommt ein Interview mit 4 unabhängigen Bauexperten mit dem Titel „Vom Sinn und Unsinn der Fassadendämmung“ bei Immowelt aus. Hier werden mediale Argumente wie hohe Kosten, hoher Energieverbrauch bei der Herstellung, Schimmel und Algen, Brandgefahr, Giftstoffe, Entsorgungsprobleme und eine Verschandelung der Architektur diskutiert. In der Quintessenz bringt Wärmedämmung Vorteile und keiner der Experten würde sie per se verteufeln, da es unmöglich ist, eine pauschale Aussage zu treffen.

Eine Fassadendämmung lohnt sich demnach fast immer, wenn ohnehin der Außenputz erneuert werden muss. Einsparversprechen von über 30 Prozent sind jedoch unrealistisch und zu kritisieren. Wenn berechnete Einsparungen nur selten eingehalten werden, liegt das auch daran, dass der Nutzereinfluss in standardisierten Berechnungen nicht abgebildet werden kann. Zudem müsse man über den direkten finanziellen Aspekt hinaus auch beachten, dass eine Sanierung den Wert einer Immobilie und – bei korrekter Ausführung – auch die Behaglichkeit steigert. Brandschutztechnisch wird auf nichtbrennbare Alternativen zum relativ günstigen und häufig verwendeten Dämmstoff Polystyrol hingewiesen.

Um also nochmal auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Der Einsatz von Wärmedämmung bietet bei guter Planung und Ausführung objektiv gesehen sicherlich Vorteile. Pauschalisierungen von Medien sind hier aber genauso wenig angebracht wie Glorifizierungen der Industrie. Der Verbraucher sollte kritisch sein und sich nicht scheuen Experten um Rat zu Fragen, die die Welt auch in anderen Farben als schwarz oder weiß sehen können.

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2 Kommentare

  1. Waldemar sagt:

    Hi Stefan,

    ich finde deinen Beitrag sehr gut. Sehr objektiv gehalten. Du hast recht, man sollte sich von Experten beraten lassen, bevor man sich auf etwas einlässt. Das Problem ist, dass viele selbst ernannten Experten nur ihre Systeme verkaufen wollen und nichts anderes. Am Ende, ist der Kunde, der mit dem Schaden alleine gelassen wird. Find ich schade!

    p.s ich lese gerne in deinem Blog, viele Informationen kann ich beruflich sehr gut verwenden. Weiter so!!!!

    Gruß Waldemar

  2. Stefan sagt:

    Hi Waldemar,
    Danke für die Blumen.
    Du hast natürlich auch recht, es gibt Experten, die sich auf ein paar Dämmstoffe/-systeme eingeschossen haben. Es gibt aber auch andere, die Bedarf und Möglichkeiten mit in ihre Auswahl einbeziehen.
    Ich denke, dass Verbraucherzentralen als erster Anlaufpunkt ganz gut sind. Hier sollte es noch eine der unabhängigsten Beratungen geben bzw. einen Kontakt zu einer solchen.
    Gruß, Stefan

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