Die Farbe macht den Baustoff

Aufgefächerte FarbskalaIch wundere mich schon seit längerem über den scheinbar anhaltenden Trend, dass eine besondere Eigenschaften von Baustoffen deren Farbe sein soll. Ich meine damit jetzt nicht die Farbgebung eines Baustoffes, um ihn für einen bestimmten Anwendungsfall zu markieren, wie dies bei Gipskartonplatten für trockene und feuchte Umgebung der Fall ist. Deren Deckschicht ist für normale Anwendungen gräulich und für den Einsatz in Feuchträumen hellgrün oder hellblau. Ich rede auch nicht von der Farbgebung diverser Oberflächenmaterialien wie Dachziegeln oder Vormauersteinen , die unseren Architekten mehr Handlungsspielraum geben sollen. Bei vielen Baustoffen sind deren Farben wiederum produzentspezifisch gewählt. Auch das macht Sinn. Ich spiele eher auf den Einfluss an, den sogenannte Werbefachleute auf die technisch hervorstechenden Eigenschaften von Baustoffen zu haben scheinen.

Vor einigen Jahren fiel mir hierzu ein Werbeblatt eines Akustikdämmstoffes in die Hände, deren einzige technische Eigenschaft offensichtlich durch seine rosa Farbe definiert war. Andere – für einen akustisch wirksamen Dämmstoff durchaus wesentliche – Eigenschaften, wie längenbezogener Strömungswiderstand oder ein Schalldämmmaß? Eine mögliche Lieferdicke? Fehlanzeige. Es wurde im wahrsten Sinne des Wortes ein einzigartiges Produkt beworben. Keine dokumentierten Eigenschaften, nur die Farbe.

Einige Kollegen der damaligen Werbefachleute haben im Laufe der Jahre scheinbar dazu gelernt. In den letzten Monaten sind immer wieder Dämmstoffe auf den Markt gebracht worden, mit deren Farbe über die „normalen“ Merkmale hinaus noch weitere, besondere Eigenschaften assoziiert werden sollen. Bisher waren alle Dämmstoffe aus Mineralwolle, besser gesagt Glaswolle, gelb. Das war einfach. Man wusste, was der Dämmstoff konnte, wo man ihn einsetzen konnte und wo seine Grenzen lagen. Die Dämmstoffe mit der neuen Farbe haben, wenn man der Werbung glauben schenken mag, heute keine Grenzen mehr; genauso wenig wie schädliche Inhaltsstoffe.

Ab jetzt wird also alles anders. Besser natürlich. Nur weil man die Farbe ändert. Knauf präsentierte zuerst einen braunen Dämmstoff mit einem Bindemittel auf Zuckerbasis. Zwar wurde das Produkt Ende letzten Jahres von der Zeitschrift Öko-Test mit „sehr gut“ bewertet, doch sei die Frage erlaubt, warum man mit Eigenschaften werben muss, die für andere Dämmprodukte kein Problem darstellen:
  • natürlich-braune Färbung, ohne künstliche Farben, Bleich- oder Färbemittel
  • aus natürlich vorkommenden und/oder wiederverwerteten Rohstoffen hergestellt
  • frei von Formaldehyd, Phenol oder Acryl
URSA zog kurz darauf nach und brachte einen Dämmstoff aus Glaswolle mit einem Bindemittel auf Acrylbasis auf den Markt, welcher fast noch weißer ist als Glaswolle, der noch kein Bindemittel zugesetzt wurde. Dem Acrylbindemittel muss man zugestehen, dass es die Verarbeitung des Dämmstoffes erleichtert. Dennoch darf man sich über den Namen „PureOne“ wundern. Was ist an dem Dämmstoff „pur“? Warum wird so viel Wert auf die Reinheit des Dämmstoffes gelegt? Immerhin implizieren Name und Farbe Eigenschaften des Dämmstoffes, die er nicht hat: die Bindemittelfreiheit.

Autohersteller werben doch auch nicht mit der besonderen Eigenschaft eines neuen Modells, dass der Druckausgleich in der Fahrkabine bei schnellen Veränderungen der Flughöhe kein Problem ist… oder?

Der technische Hintergrund für eine Änderung der Bindemitteltechnologie liegt in der Forderung einiger europäischer Länder begründet, kein Formaldehyd mehr in Baustoffen einsetzen zu wollen. Bindemittel gewährleisten in Mineralwolle den Zusammenhalt der Fasern untereinander und eine gute Rückstell- und Klemmkraft der Dämmung. Bleibt die Frage der Notwendigkeit für diese Forderung. Allgemein wird davon ausgegangen, dass Formaldehyd aus bisher genutzten Bindemitteln nur in der Theorie entweichen kann. Dabei wäre die Formaldehydkonzentration aber so gering, dass alle nationalen Grenzwerte weit unterschritten werden könnten.

Sind die neuen Eigenschaften, die der Farbe von Baustoffen zugeschrieben werden, also übertrieben? Ich hoffe nur, dass uns die Werbung in Zukunft nicht so weit bringt, dass Farben am Ende harte technische Anforderungen in Ausschreibungen ersetzen könnten.


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