Holländische Nachhaltigkeit

Sieht man große Teile der holländischen Bevölkerung das ganze Jahr über mit Wohnwagen über deutsche Autobahnen fahren, kann die Frage aufkommen, wie es denn um die Wohnkultur in unserem Nachbarland bestellt ist. Vor ein paar Jahren hat sich ein holländisches Architektenbüro jedoch von diesen althergebrachten Sitten entfernt und baute in Enschede ein Wohnhaus, das den EU-Oberen in Sachen Nachhaltigkeit die Tränen in die Augen schießen lässt. Vor Freude.

Villa Welpeloo in Enschede im BauzustandRecyclingmaterialien, kurze Transportwege und Abfallverwertung sind nur einige der nachhaltigen Prinzipien, die in diesem Haus zur Anwendung kommen. Die Baumaterialien sollten aus einem Umkreis von nicht mehr als 15 km von der Baustelle stammen. Die tragende Konstruktion wurde aus dem Stahlgerüst einer ausrangierten Textilmaschine konzipiert. Wobei man auch erwähnen muss, dass nicht die Konstruktionsmaterialien auf Grundlage des Gebäudekonzeptes gewählt wurden, sondern dass das Haus entsprechend der verfügbaren Stahlelemente gezeichnet wurde. Hierfür wurde das Haus dann auch 10 cm schmaler als ursprünglich geplant. Die Fassade besteht aus nachbehandelten Brettern, die in mühsamer Kleinarbeit alten Kabeltrommeln entrissen wurden. Für die Verglasung lieferte die Firma Pilkington freundlicherweise Flachglasabfälle aus einer nahe gelegenen Fabrik. Alte Regenschirmgestänge wurde zu Lampenständern umfunktioniert und sogenannte „Smile Plastics“ aus wiederverwerteten Joghurtbechern sind jetzt die Fliesen des Badezimmers. Muscheln sollen für eine gleichbleibende Feuchtigkeit im Kriechkeller sorgen. Gedämmt ist das Gebäude u.a. mit Styroporresten aus – und hier schließt sich der holländische Kreis wieder – Wohnwagenkarosserien.

Insgesamt wurde an dem 270 m² großen Gebäude 4 Jahre geplant und gebaut. Die Bausumme liegt irgendwo bei 900.000 Euro. Von Seiten der Architekten schätzt man, dass 60 bis 70 % der verbauten Materialien wiederverwendet oder -verwertet wurden. Die CO2-Einsparung im Rahmen der Produktion liegt bei etwa 90 % bei der tragenden Konstruktion und bei knapp 95 % für die Fassadenbekleidung. Die Bauleitung gibt mit den gemachten Erfahrungen zwei gute Ratschläge für Leute, die sich auch solch eines Projektes annehmen wollen:
  • Finden Sie vor der Bauphase so viel wie möglich über die zu verwendenden Materialien heraus.
  • Seien Sie flexibel und greifen Sie auf Handwerker zurück, die das eigenständige Denken noch nicht verlernt haben.
Bleibt am Ende nur zu hoffen, dass die Nachhaltigkeit dieses Projektes nicht durch den Einsatz von Gasheizstrahlern auf der Terrasse zunichte gemacht wird.


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