Nachhaltigkeit – der Versuch einer Definition

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren sehr modern geworden. Allerdings ergibt fast jeder Versuch einer Definition ein neues Ergebnis. Je mehr Menschen sich mit der Nachhaltigkeit von Vorgängen, Produkten oder der Nutzung von Ressourcen beschäftigen, desto mehr Definitionen werden aufgestellt. Dabei sollte Nachhaltigkeit immer abhängig vom speziellen Zusammenhang gesehen werden. Egal ob die Wäscherei mit nachhaltiger Reinigung wirbt, die Bank nachhaltige Investments anbietet oder es um nachhaltiges Bauen geht. Doch was ist nun „Nachhaltigkeit“ überhaupt?

Gemeinsam ist allen Definitionen eines: Es soll zum Wohl zukünftiger Generationen immer etwas bewahrt werden.

Ein Modewort ist Nachhaltigkeit auf jeden Fall. Google gibt bei einer Suche knapp 12 Millionen Treffer, für das englische Wort „Sustainability“ gibt es sogar knapp 100 Millionen Suchergebnisse. Aufgrund der Popularität gibt es aber sicherlich auch zwei Seiten, von denen man den Begriff beleuchten sollte. Zum einen ist dort die Bedeutung des Wortes in sozialem Zusammenhang, zum anderen aus wirtschaftlicher Sicht. Fangen wir mit der sozialen Bedeutung an.

Nachhaltigkeit wird vom Individuum alleine schon durch die vielfältige Verwendung des Wortes in der Öffentlichkeit als etwas Positives, Erhaltenswertes und Langfristiges empfunden. Nicht, dass Herr oder Frau Meier-Müller-Schulze wüsste, wie sie Nachhaltigkeit letztendlich definieren sollen, doch hat sich in den letzten 10 Jahren ein unglaublich positives Bild entwickelt. Irgendwas in Richtung „zukunftsfähige Entwicklung der Menschheit“. Alle reden von Nachhaltigkeit, als wenn es die Rettung des Planeten bedeuten würde. Also muss doch was dran sein. Meinungsbildung in großem Stil eben. Fragen Sie doch zum Spaß einmal in Ihrem Bekanntenkreis nach einer Definition, gerne auch Leute, von denen Sie meinen, dass sie einen hohen Bildungsstand haben…

Untersuchungen der Bundesregierung zufolge hat sich die Bekanntheit des Begriffes Nachhaltigkeit in den letzten 10 Jahren verdreifacht. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass das Umweltbewusstsein der Bevölkerung gestiegen ist und der Umweltschutz mittlerweile auf Platz 3 der politischen Prioritäten angekommen ist. Doch selbst wenn der Begriff der Nachhaltigkeit erst in den letzten Jahren modern geworden ist, wurde er schon vor ein paar Hundert Jahren geprägt. Er stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und begrenzt dort das Fällen von Bäumen auf Mengen, die durch Aufforstung wieder nachwachsen können.

Nachdem der Club of Rome Anfang der 70er Jahre Nachhaltigkeit bereits in Zusammenhang mit sozialen Werten gebracht hat, wurde der Begriff 1987 durch die Brundtland-Kommission erstmals auch in den Fokus der Politik gerückt. Es dauerte dann weitere 5 Jahre bis die Politik 1992 auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro Nachhaltigkeit auch als globale Herausforderung definierte. 1999 wurde von der Bundesregierung dann beschlossen, eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln und sich daran zu orientieren. Der Rat für nachhaltige Entwicklung hat Nachhaltigkeit daraufhin als Zusammenspiel der Faktoren Ökologie, Ökonomie und Soziales definiert:

Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Die ökologische Nachhaltigkeit steht für den Erhalt von Natur und Umwelt für die nachfolgenden Generationen. Dies beinhaltet Punkte wie Artenvielfalt, Klimaschutz, Pflege von Landschaftsräumen sowie dem schonenden Umgang mit der natürlichen Umgebung. Entsprechend der ökonomischen Nachhaltigkeit soll die Wirtschaft so angelegt sein, dass sie dauerhaft eine tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand bietet und vor Ausbeutung schützt. Die soziale Nachhaltigkeit fordert die Einbindung aller Mitglieder einer Gemeinschaft. Dies umfasst einen Ausgleich sozialer Kräfte mit dem Ziel, eine auf Dauer zukunftsfähige, lebenswerte Gesellschaft zu erreichen

Die gestiegene Bekanntheit des Begriffes ist – um auf die wirtschaftliche Sicht zu kommen – aber auch Hoffnungen von Industrie und Wirtschaft geschuldet, die ein gewaltiges Geschäftspotential für nachhaltige Aktivitäten wittern. Schätzungen des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PwC) nennen Zahlen zwischen 3 und 10 Billionen US-Dollar. Hier ist es nur natürlich und verständlich, dass Unternehmen mit dem Begriff werben, um sich seinen Anteil vom Kuchen zu sichern und der Konkurrenz die Fersen zu zeigen.

Leider, leider, leider geht das aber auch gerne mal schief, wenn Firmen und Verbände mit Versprechen werben, die entweder gar nichts mit Nachhaltigkeit zu tun haben oder die einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Zertifizierungsmechanismen sind unzureichend, nachhaltige Qualitätssiegel wachsen wie Unkraut aus dem Nichts und der Verbraucher, der ja letzten Endes durch seine Nachfrage das Angebot steuern sollte, hat nicht die Möglichkeiten, sich ausreichend zu informieren. Am Ende bleibt der Gedanke der Nachhaltigkeit als subjektiv einzuschätzendes Werbemittel auf der Strecke.

Immerhin hat der Rat für nachhaltige Entwicklung letzten Monat einen Nachhaltigkeitskodex für Firmen veröffentlicht. Dies ist ein Standard für die Transparenz des Nachhaltigkeitsmanagements von Unternehmen. Er soll eine Verbindlichkeit durch eine vergleichbare Darstellung der Bereiche Prozessmanagement, Umwelt und Gesellschaft schaffen. Eine Anwendung des Kodex ist freiwillig… ja, so viel also dazu.

Wenn nun jemand mich um meine bescheidene Meinung fragen würde (was natürlich keiner tut…), würde ich den aktuellen Hype um Nachhaltigkeit in die gleiche Schublade stecken wie die Diskussionen um eine Zertifizierung nach ISO 9001 seinerzeit. Alle sollten danach handeln, weil es gesellschaftlich die meisten Vorteile bringt, aber nur wenn ein gesellschaftlicher Zwang entsteht, wird auch danach gehandelt. Schade eigentlich, oder?

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