Sinn und Unsinn beim Einsatz von Baustoffen

So langsam geht mir das Verständnis für die phantasievollen Aufbauten einiger Konstruktion aus, die sich Baustoffhersteller für eine optimale Vermarktung ihrer Produkte einfallen lassen. Ich hatte vor einiger Zeit ja schon mal über Versuche einiger Produzenten von Holzfaserdämmstoffen ausgelassen, den Verbrauchern durch exzessive Anwendung ihrer Produkte in Leichtbaukonstruktionen eine Phasenverschiebung von knapp 24 Stunden unterjubeln zu wollen. Dabei wird der Aufbau der Konstruktionen so kompliziert, dass jeder Handwerker erst einmal seinen Bachelor in Schichtaufbauten machen muss, bevor Dach- und Wandkonstruktionen fehlerfrei errichtet werden können.

Jetzt bin ich neulich bei den Baulinks in der BAU-Nachlese auf eine ‚Innovation‘ von Pavatex, einem Hersteller von (im Wesentlichen) Holzfaserdämmstoffen aus der Schweiz, gestoßen, bei der ich mich frage, ob sie mehr den Absatzahlen des Herstellers oder den Bauvorhaben helfen soll. Es geht um ein Dämmprodukt aus Holzfasern, das mit dem klangvollen Attribut ‚Wärmespeicherdämmblock‚ beworben wird und ’sich bestens für die Modernisierung bestehender Gebäude wie auch für den Neubau‘ als Putzträger für Wärmedämmverbundsystemene (WDVS) eignet. Der anspruchsvolle Kunde bekommt durch Anwendung dieses Wärmespeicherdämmblocks – na, wer ahnt es bereits? – ein hohes Wärmespeichervermögen (2100 J/kg·K) und einen ausgezeichneten sommerlichen Hitzeschutz geliefert. So weit die Werbung des Herstellers.

Spulen wir aber noch einmal kurz zurück und beginnen bei einem Altbau, der modernisiert / renoviert / saniert werden soll / muss / kann. Sicherlich, die Anwendung von Wärmespeicherdämmblöcken aus Holzfasern ist hier einfacher als in den bereits erwähnten Leichtbaukonstruktionen. Doch was soll ich denn bitte mit einem – im Vergleich zu anderen gebräuchlichen Dämmstoffen leicht erhöhten – Wärmespeichervermögen des Dämmstoffes vor der Außenwand aus Ziegeln oder Kalksandstein? Für die Wärmespeicherfähigkeit sorgt doch in den meisten Fällen schon die massive Altbauwand. Muss man denn dafür noch explizit so die Werbetrommel rühren. Zumal die höhere Wärmeleitfähigkeit diesen Vorteil wieder aufwiegen dürfte.

Als Argument könnte ich allenfalls noch einen kleinen Vorsprung in Sachen Oberflächentemperatur des Außenputzes und damit verringerter Algenbildung auf einem WDVS sehen. Aber auch die Wirkung müsste erst noch bewiesen werden. Darüber hinaus wird sich der Dämmstoff mit einer Rohdichte von 155 kg/m³ kaum Oberflächenungenauigkeiten anpassen können, so dass vor der Applikation in vielen Fällen Vorarbeiten an der Fassade durchgeführt werden müssen. Das handliche Format der steifen Platten von 400 x 600 mm lädt zudem zur regelmäßigen Ausbildung von Wärmebrücken an der Fassade ein, gerade bei stumpf gestoßenen Kanten.

Aber gut, diese Herausforderungen gibt es für den Handwerker mit Polystyrol-Dämmstoff auch. Ebenso wenig kann die aktuell in den Medien diskutierte Brandgefahr von WDVS mit Polystyrol als Dämmstoff ein Kriterium zur Unterscheidung dieser beiden Dämmstoffe sein, da auch Holzfaserplatten unter die europäische Baustoffklasse E fallen.

Vielleicht sollte man sich einmal generell darüber Gedanken machen, aus welchen Gründen denn heute Baustoffe eigentlich eingesetzt werden. Wie viel davon ist Tradition, die schon lange überholt sein sollte? Wie viel davon ist Preis, der bestimmt nicht selten den Ausschlag gibt? Wie viel davon ist Werbung, die den Anwender häufig mehr verwirrt als ihm hilft? Wie viel davon ist gesunder Menschenverstand, der eigentlich immer angewendet werden sollte?

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PS: Tut mir Leid, dass ich schon wieder gegen Holzfaserdämmstoffe wettere, aber das liegt in diesem Fall auf der Hand. Ich könnte mit Sicherheit wesentlich mehr Anwendungen finden, in denen Holzfasern mehr Sinn machen als hier… aber immer in Maßen.

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