Ungesunder Cocktail aus gesunden Baustoffen

Butler serviert CocktailChemikalien in Baustoffen, die mit der Innenluft eines Gebäudes in Kontakt stehen, können Asthma, Allergien und im wohl schlimmsten Fall sogar Krebs auslösen. Das wissen wir. Wir wissen auch, von welchen Chemikalien und Baustoffen wir die Finger lassen sollen, wenn wir gesund bauen wollen. ‚Gesund‘ bedeutet in diesem Fall, dass wir die Innenluft nicht mit übermäßig vielen flüchtigen organischen Verbindungen belasten, beispielsweise mit VVOC (very volatile organic compounds) wie Formaldehyd, mit VOC (volatile organic compounds) wie Benzol oder mit SVOC (semi-volatile organic compounds) wie Weichmacher. Das können wir. Wir können jedoch nur sehr wenig über den Cocktaileffekt von Chemikalien in ansonsten emissionsarmen Baustoffen sagen. Dass hier dringend Nachholbedarf besteht, zeigt sich nun auch in konkreten Studien.

Nehmen wir einmal Holz. Holz wird als das natürliche Material schlechthin bereits seit Jahrtausenden zum Bau von Häusern verwendet. Holz als reiner Baustoff ist seither als gesundheitlich unbedenklicher Baustoff anzusehen… naja, sehen wir mal von Formaldehyd ab, das sich von Natur aus in Holz findet. Oder in Äpfeln. Oder in Stoffwechselprodukten des Menschen. Es kommt bei Chemikalien wie bei Schadstoffen eben immer auf die Konzentration und die Grenzwerte an, die eingehalten werden soll(t)en.

Flüchtige Chemie steckt in fast allen Baustoffen: Farben, Lacke, Lösungsmittel, Korrosionsschutzmittel, Flammschutzmittel, Epoxidharze, Klebstoffe etc… Für die allermeisten Chemikalien, die das Innenklima oder die Gesundheit des Menschen beeinflussen können, gibt es Informationen, die zum Beispiel europaweit durch die Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (‚REACH‘, Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) gesammelt werden. Diese und auch nationale Richtlinien, die Richt- und Grenzwerte definieren, kann man zu Rate ziehen, wenn man die Schadstoffkonzentration in Innenräumen gering halten möchte. Im einfachsten Fall kann der interessierte Mitbürger sich jedoch an den Siegeln ‚Blauer Engel‚ oder der ‚Euro-Margerite‚ orientieren.

So weit, so gut. Was passiert jedoch, wenn man Baustoffe und damit Chemikalien, deren individuelle Wirkung man kennt und begrenzen kann, kombiniert?

Dieser Frage wird weltweit schon seit den 80er Jahren nachgegangen, wenngleich in anderen Fachrichtung als dem Bauwesen. Das Phänomen ist allgemein als ‚Cocktaileffekt‘ bekannt. Dabei kann eine Mischung von Schadstoffen gefährlicher oder wenigstens ungesunder sein, als die Summe der Auswirkungen der einzelnen Stoffe zusammen. In der Raumluft liegen in der Tat Substanzgemische vor, deren Bestandteile sich in ihrer Wirkung verstärken können. Studien belegen bereits, dass nicht alle dieser Gemische ausschließlich durch toxikologische Ableitungen bewertet werden können. Doch weder Richt- noch Grenzwerte berücksichtigen diesen Cocktaileffekt aus kombinierten Chemikalien in Gebäuden ausreichend.

Zumal Grenzwerte in den häufigsten Fällen auf Basis von Untersuchungen gesunder Menschen in Laborumgebungen definiert wurden. Solange wir uns – und hier sind auch ältere Menschen, Kinder oder Kranke gemeint – aber 90% und mehr unseres Lebens in Gebäuden aufhalten, bei denen ein notwendiger Luftaustausch nicht immer gewährleistet ist, kann das langfristig zu einem großen gesundheitlichen Problem werden. Wenn es dies nicht schon ist.

In Dänemark wurden nun Ergebnisse von vergleichenden Untersuchungen veröffentlicht, in denen u.a. die Schadstoffkonzentration in drei (zunächst unbewohnten) Gebäuden gemessen wurde, die sich im Wesentlichen nur durch die Wahl der Baustoffe und den Grad der technischen Ausstattung unterschieden. Es wurde ein Yes-Tech-Haus errichtet, das sich technologisch auf dem allerneuesten Stand bewegt. Daneben steht ein Now-Tech-Haus, das den aktuellen Stand der Bau- und Gerätetechnik widerspiegelt. Das dritte Haus ist ein No-Tech-Haus mit der höchsten Luftwechselrate (natürliche Lüftung) der drei Häuser, in dem weitestgehend auf Gebäudetechnik verzichtet wurde und in dem Baustoffe Verwendung finden, die mit Fokus auf möglichst geringe Emissionen flüchtiger Verbindungen ausgewählt wurden. Ein gesundes Haus also, wenn ich mir diese Phrase erlauben darf.

Der überraschende Teil des Ergebnisses vorneweg: im vermeintlich gesunden No-Tech-Haus ist die Schadstoffkonzentration in der Innenraumluft für viele chemische Verbindungen höher als in den beiden anderen Gebäuden. Ich muss direkt danach aber auch sagen, dass alle Konzentrationen sich in für die Gesundheit unschädlichen Bereichen bewegen (es gab nur zu Messbeginn einen Raum im No-Tech-Haus, in dem der Richtwert des Umweltbundesamtes (UBA) für Formaldehyd nicht eingehalten wurde), jedoch teilweise die Geruchsschwelle deutlich überschreiten.

Hierzu zunächst ein paar Zahlen zu den durchgeführten Messungen. Die Gesamtkonzentration der flüchtigen organischen Verbindungen (TVOC, total volatile organic compounds) lag im No-Tech-Haus am Tag der Bauübergabe bei 3500 µg/m³, in den anderen beiden Häusern zwischen 1600 und 1800 µg/m³. Nach einem guten halben Jahr reduzierte sich die Konzentration in den unbewohnten Häusern auf 1200 µg/m³ bzw. 500 µg/m³. Zwischen den drei Häusern sind speziell zwei VOCs hervorzuheben, deren Konzentration im No-Tech-Haus deutlich über den anderen beiden lag: Essigsäure (ca. Faktor 2,5) und Methanol (ca. Faktor 2). Darüber hinaus lagen zu Beginn der Messungen auch 1-Butanol, Pentansäure, Terpene und Acetaldehyd über der Geruchsschwelle. Nach einem halben Jahr galt dies nur noch für Essigsäure und Acetaldehyd.

Wie kann es aber dazu kommen, dass im vermeintlich gesunden No-Tech-Haus so hohe Schadstoffkonzentrationen gemessen wurden? Die Antwort liegt im Cocktaileffekt. In diesem speziellen Fall wurden Leisten aus Nadelholz mit kaltgepresstem Leinöl behandelt und OSB-Platten auf Wandinnenseiten mit einer leinölbasierten Lasur gestrichen. Die Idee war eigentlich, dass das Leinöl Emissionen begrenzen sollte. In der Realität erwiesen sich diese Materialkombinationen als emissionstechnisch vollkommen unberechenbar. Die Leinöllasur auf den OSB-Platten führte zu einer 5 Mal höheren Emission von Aldehyden als die beiden Produkte alleine abgeben. Zudem bildete sich der brennende, akut giftige sowie umweltschädliche Stoff 2-Pentenal.

Da ich nun nur Ingenieur und kein Chemiker bin, haben mich diese Ergebnisse gelinde gesagt überrascht. Und das nicht im positiven Sinne. Vielleicht kann man mit der Zeit einen Überblick über den gesundheitlichen Einfluss der vielen Tausend in unseren Gebäuden verwendeten Chemikalien erlangen. Aber wie bitte soll das jemals für die möglichen Kombinationen dieser vielen Tausend Chemikalien möglich sein? Man kann als Erste-Hilfe-Maßnahme nicht einmal fordern, weitestgehend auf ‚Chemie‘ in Innenräumen zu verzichten, wenn schon Leinöl auf Nadelholz Probleme gibt – mehr Natur geht ja schon fast nicht.

Wer tatsächlich schadstoffarm bauen möchte, muss sich also wirklich mit der Materie beschäftigen…

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