Ohne atmende Wände leben wir in Plastiktüten!

Aufbau eines Blower-Door-TestsBizarr, oder? Atmende Wände. Wer glaubt denn bitte an sowas? Ich habe jetzt schon einige Wände in meinem Leben gesehen, von innen, von außen, innendrin, leicht, schwer, aus Holz, aus Beton, aus Stein, aber ich habe dort noch nie Kiemen oder gar eine Lunge gesehen. Und dies sollten doch eigentlich die wesentlichen Voraussetzungen für eine fehlerfreie Atmung sein. Wie kommt es also, dass es immer noch Menschen gibt, auch sogenannte oder selbst ernannte Fachleute im Übrigen, gerne auch aus der Ziegelbranche, die an dieses Märchen aus dem vorletzten Jahrhundert glauben und es standhaft verbreiten?

Angefangen hat alles mit Untersuchungen des Naturwissenschaftlers Max von Pettenkofer, der sich in der letzten Viertel des 19. Jahrhunderts insbesondere auf dem Gebiet der Erforschung der Hygiene einen Namen gemacht hat. Dieser wollte über Luftwechselmessungen in einem Raum Rückschlüsse auf die Luftqualität in diesem ziehen. Nachdem er alle offensichtlichen Fugen des Raumes abgedichtet hatte, maß er aber dennoch einen Luftstrom im vermeintlich dichten Raum, der annähernd dem des nicht abgedichteten Raumes entsprach. Seine Schlussfolgerung: Wenn keine Luft mehr durch offene Fugen kommen kann, muss die Porosität der Baumaterialien daran Schuld sein. Was er allerdings übersah, war die Abdichtung des Schornsteines eines Ofens in dem Raum, durch den weiterhin die Luft entweichen konnte. Aus diesem Irrtum wurden dann später das Märchen der atmenden Wände. Und dieses hält sich hartnäckig im allgemeinen Sprachgebrauch.

Dabei gibt es mittlerweile so viele Untersuchungen von anerkannten Fachleuten auf den Gebieten der Bauphysik, der Materialkunde oder der Baubiologie, die das Gegenteil bewiesen haben: Wände können nicht atmen! Ganz im Gegenteil. Der Luftaustausch durch Wände geht im Vergleich zum Austausch durch undichte Bauteilanschlüsse oder bei normaler Fensterlüftung unglaublich stark gegen Null.

Bereits der Beitrag von E. Raisch vom damaligen Forschungsheim für Wärmeschutz (heute FIW) im Gesundheits-Ingenieur über „Die Luftdurchlässigkeit von Baustoffen und Baukonstruktionsteilen“ im Jahre 1928 widerlegte von Pettenkofer. Auch die DIN 4108 aus dem Jahre 1969 versucht den Mythos der atmenden Wand zu entkräften:

Ein Atmen der Wände im Sinne einer Lufterneuerung der Innenräume findet nicht statt. Dagegen ist aus hygienischen und bautechnischen Gründen auf der Innenseite der Wände eine gewisse Aufnahmefähigkeit für Wasserdampf erwünscht; üblicher Innenputz, auch saugfähige Pappen und dgl. erfüllen diesen Wunsch (Pufferschichten). Um das Eindringen der von dieser Schicht bei hohem Feuchtigkeitsgrad der Raumluft aufgenommenen Wasserdampfmenge ins Innere der Bauteile zu verhindern, kann die Anordnung einer unmittelbar anschließenden möglichst wasserdampf-undurchlässigen Schicht (Dampfsperre) zweckmäßig sein, besonders bei mehrschichtigen Wänden. Die von den Pufferschichten aufgenommenen Feuchtigkeitsmengen sollen in Zeiten mit geringem Feuchtigkeitsgrad wieder an die Raumluft abgegeben werden. Dies wird durch Lüften der Räume (öffnen der Fenster, Einbau von Lüftungsschächten u. dgl.) gefördert.

Doch was hat es gebracht? Nicht viel. Stattdessen werden Baulaien heute immer noch mit ihrer Vermutung allein gelassen, dass sie in einer Plastiktüte leben müssten, wenn ihr Haus mit einem Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) gedämmt ist. Das stimmt natürlich nicht! In modernen oder modernisierten Gebäuden stellt in der Regel eine Lüftungsanlage den notwendigen Luftwechsel sicher. Die Aufnahme- und Transportkapazität von Wänden in Bezug auf Luft oder Feuchtigkeit fällt da nicht mehr ins Gewicht. Man sollte nur darauf achten, dass der entsprechende Durchlassgrad von Schichten auf der Innenseite am geringsten ist.

Werner Eicke-Hennig von renommierten Institut Wohnen und Umwelt (IWU) fasst die Ergebnisse von Raisch folgendermaßen zusammen
  • Durch eine geweißte Wand geht weniger Luft als durch ein Schlüsselloch.
  • Innenputz macht Wände dicht.
  • Ein Ziegelstein ist dichter als das Mauerwerk mit seinen Haarrissen in den Fugen.
Darüber hinaus findet er es diskriminierend gegenüber Kellerdecken, Dächern und Fenstern, dass in Deutschland die Wände atmen müssen und nur die Wände. Wobei doch gerade Fenster bei Architekten heute wieder so hoch im Kurs stehen, dass eigentlich atmungsfähige Gläser das Gebot der Stunde sein sollten.

Ich finde, dass er damit den Nagel genau auf den Kopf getroffen hat.


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7 Kommentare

  1. […] Dichte Gebäudehüllen […]

  2. Bio sagt:

    Au backe! Wenn man so polemisch schreibt, sollte man mMn auch ausreichend Bescheid wissen, denn die Begrifflichkeit der Atmung ist hier sehr laienhaft und damit nicht wirklich richtig wiedergegeben.In der Biologie bzw Physiologie sind die Primärprozesse der Atmung (sowohl äußere als auch innere) die Diffusionen, nicht das Füllen jnd Leeren der Lungen. Und das ist sehr wohl gewissenmaßen mit der Wasserdampfdiffusion bei Wänden vglbar. Eine menschliche Körperzelle hat auch keine Lunge, aber Zellatmung findet statt…tja…

  3. Stefan sagt:

    Da hat wohl jemand den wichtigsten Satz im Artikel überlesen: „Der Luftaustausch durch Wände geht im Vergleich zum Austausch durch undichte Bauteilanschlüsse oder bei normaler Fensterlüftung unglaublich stark gegen Null.“ Der Prozess der „Atmung“, der an anderer Stelle tatsächlich polemisch behandelt wird, spielt also gar keine Rolle. Zudem gibt es bei Wänden (und anderen Bauteilen) einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen Wasserdampfdiffusion und Luftaustausch.

    … tja… sowas passiert wohl, wenn ein Ingenieur auf Biologe macht – und umgekehrt. Es ist aber schön, wenn sich beide Seiten Gedanken machen.

  4. Bio sagt:

    Also bitte mal den eigene Artikel aufmerksam lesen und im Vergleich den von Ihnen selbst verlinkten Artikel über die Atmung. Es drängt sich beim Lesen schwer das Gefühl auf, dass Sie offenbar nicht verstanden haben, was Atmung bedeutet und das mit Luftaustausch gleichsetzen – und dann kann man natürlich auch nicht verstehen warum das Prinzip der Atmung auch bei Wänden zutrifft…..und das sollte nicht sein, wenn man darüber schreibt….

  5. Stefan sagt:

    Habe ich gemacht, auch vorher schon, aufmerksam. Dort steht im ersten Satz „Atmung bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch das Ein- und Ausatmen.“

    Und da die allgemeine Diskussion um atmende Wände nicht von Biologen geführt wird und der Artikel auch nicht für Biologen geschrieben ist, drängen sich bei mir keine falschen Gefühle auf.

    Dennoch vielen Dank für den Hinweis.

  6. Bio sagt:

    Meine Meinung: den Hauptinhalt des eigenen Links zu ignorieren/negieren (?) reduziert das Niveau auf Stammtischparolen und ist von ingenieurmäßigem Arbeiten weit entfernt. Die „allgemeine Diskussion um atmende Wände“ stellt sich bei Fachleuten nicht, die die „Atmungsaktivität“ von Materialien geblickt haben…diese findet vermutlich auch eher „am Stammtisch“ statt – von daher passt alles.

  7. Stefan sagt:

    Völlig richtig. Fachleute, die nicht am Stammtisch arbeiten, wissen, dass die „Atmungsaktivität“ der meisten Materialien für die Qualität der Raumluft nicht wirklich relevant ist. Der Artikel ist dementsprechend niveautechnisch auch nicht für diese Fachleute geschrieben.

    Was war noch das Problem?

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