Brandgefährliche Normen

Feuerwehr löscht HausbrandNein, ich will in diesem Beitrag nicht wieder auf Medienberichten der letzten Monate rumreiten, in denen die Brandsicherheit von Wärmedämmverbund-systemen (WDVS) anprangert wird. Ich möchte einen Schritt weiter gehen und über die Brandsicherheit moderner Gebäude schreiben, die unter Einhaltung aktueller Normen und Richtlinien erbaut wurden. Mein Postulat: Die Einhaltung von Richtlinien ist nicht immer mit dem Begriff ‚Sicherheit‘ gleichzusetzen. Der Brandschutz moderner Materialien und Bausysteme lässt sich in unserer Zeit nicht ausreichend durch normierte Testmethoden absichern. Das gilt insbesondere für Gebäude, die unter den Aspekten Energieeinsparung und Nachhaltigkeit entworfen wurden.

Viele der Brandtests, die heute insbesondere zur Beurteilung des Feuerwiderstand von Baustoffen durchgeführt werden, wurden bereits vor vielen Jahren entwickelt. Die mechanischen und thermischen Eigenschaften der zu dieser Zeit verwendeten Materialien und Strukturen, für die diese Brandtests gedacht waren, entsprechen jedoch nicht mehr unbedingt dem, was man aktuell in Gebäuden findet. Ein Brandereignis kann dementsprechend heute ganz andere Folgen haben als damals.

Wir legen den Fokus also auf die Entwicklung fortschrittlicher Baumaterialien und Konstruktionsmethoden, um nachhaltig bauen zu können. Wir vergessen jedoch den Abgleich der Bewertungsverfahren für eine realistische Einordnung der Leistungsfähigkeit dieser neuen Baustoffe und Systeme. Die Konsequenzen aus einer realitätsfernen Bewertung von Sicherheitsaspekten werden für das Thema Brandschutz leider erst im Ernstfall deutlich.

Dennoch sind die vorhandenen Normen und Richtlinien sowie die darin verankerten Tests Grundlage für die brandschutztechnische Bemessung moderner Gebäude. Baustoffindustrie, Planer und Bauunternehmen können also beruhigt darauf verweisen, dass alle Produkte alle Normanforderungen einhalten. Wobei die Einhaltung gesetzlicher Anforderungen vom Otto-Normalbauherrn oft mit einer Garantie für die Sicherheit des Gebäudes gleichgesetzt wird.

Verschlimmert wird die Situation noch durch die geringe Aktivität von Seiten der Normungsinstitute, alte Normen und Testmethoden den neuen Konstruktionen anzupassen. So lautet jedenfalls die Bewertung international anerkannter Brandschutzexperten.

Die Betrachtung von ganzheitlichen Entwurfs- und Sicherheitskonzepten könnte hier eine Lösung sein. Doch wird auch für diesen Ansatz auf Standardtests und die Erfüllung der Anforderungen bestehender Normen verwiesen. Dies ist also ebenfalls ein Weg, der für heutige Bauweisen nicht uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Architekten und Ingenieure haben in der jüngsten Vergangenheit Standards gesetzt, wie moderne Gebäude auszusehen haben und was sie leisten können sollen. Das gestiegene Umweltbewusstsein hat zudem den Weg zu neuen Materialien geebnet, mit denen die technischen Anforderungen umgesetzt werden können. Jetzt sollte es an der Zeit sein, dass Brandschutzspezialisten die traditionelle Sichtweise herausfordern, wie ein Brand sich in modernen Gebäuden entwickelt und welchen Einfluss das auf den Gebäudeentwurf haben kann.

In der Praxis fehlt hierfür noch die Erfahrung. Es sind also neue Forschungsinitiativen zu finanzieren, mit denen man die Leistungsfähigkeit neuer Baustoffe und ihre Interaktion im Brandfall untersuchen kann. Man muss anerkennen, dass die Gebäudesubstanz selber einen wesentlichen Teil der Brandlast ausmacht. Ob die Industrie bereit ist, für diese Forschung Mittel bereitzustellen, ist fraglich. Daher sollte nicht zuletzt die Bundesregierung in die Pflicht genommen werden, für eine ausreichende Sicherheit ihrer Bürger Sorge zu tragen.

Denn die Nachhaltigkeit von Gebäuden sollte nicht nur über den Einsatz von Energie definiert werden, sondern auch über die Sicherheit im Brandfall. Ein abgebranntes Gebäude ist mit Sicherheit nicht nachhaltig.

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