Die Kehrseite der Nachhaltigkeit

Den Begriff der Nachhaltigkeit hatte ich ja schon einmal definiert. Eine populistisch eindeutige Antwort für das Bauwesen bin ich damals jedoch mehr oder weniger schuldig geblieben. Nur eine allgemeine Definition vom Rat für nachhaltige Entwicklung gibt es. Doch wie kann ich jetzt über die Kehrseite von etwas schreiben, dass nicht eindeutig definiert ist bzw. von allen gleich verstanden wird? Ganz einfach. Ich setzte für das Verständnis der folgenden Zeilen nur die Existenz eines gesunden Menschenverstandes voraus. Der Rest ist mehr als einleuchtend… und stimmt nachhaltig nachdenklich.

Heutzutage werden goldene Nachhaltigkeitsembleme schlicht auf alles geklebt. Das fängt an mit Rasenmähern, die mit Solarzellen betrieben werden (wer will auch schon ohne Sonnenschein Rasen mähen?), und geht über Häuser bis hin zu ganzen Stadtteilen. Doch nicht alles was glänzt, ist auch gleich ‚grün‘! Hier ein paar Beispiele:

  • Kann man Gipskartonplatten als nachhaltiges Produkt ansehen? Sie beinhalten Abfallstoffe aus der Produktion von Energie aus Kohle. Auf diese Weise unterstützt die Verwendung von Gipskartonplatten umweltbelastende Kohlekraftwerke.
  • Ist die Wiederverwendung exotischer Holzarten nachhaltig? Kommen solche Hölzer aus Asien, kann es sein, dass es dort einen ganzen Industriezweig für deren ‚Gewinnung‘ gibt. Der Begriff steht hier in Anführungszeichen, da es in diesen Regionen passieren kann, dass das Holz ursprünglich aus dem Abriss lokaler Gebäude stammt, die noch völlig intakt waren.
  • Wie nachhaltig ist die Produktion von Beton? Selbst wenn alternative Brennstoffe zur Herstellung von Zement verwendet wurden, wie nachhaltig ist es, wenn verunreinigende Chemikalien im Zement sich nachher in vielen Millionen Kubikmeter Beton tummeln.
  • Die Wiederverwertung von Beton muss doch nachhaltig sein, oder? Nicht unbedingt, denn solange man gemahlenen Beton dort anwenden will, wo Anforderungen an die mechanische Festigkeit des neuen Endproduktes gestellt werden, muss mehr frischer Zement zugesetzt werden als heute in Beton üblich… siehe auch vorheriges Beispiel.
  • Aber die Wiederverwertung von Fasern aus Bauteilen mit glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK), z.B. Flügeln von Windkraftanlagen, ist nachhaltig? Ja, jedoch nur, wenn die Fasern aus dem Ursprungsprodukt ohne großen Aufwand rückgewonnen und wiederverwertet werden können.
  • Können Abriss und Neubau von Gebäuden nachhaltiger sein als die Renovierung solcher Gebäude? Unter Umständen, doch muss man dann die ‚Nachhaltigkeit‘ des Abfalls vom Abriss immer mit einkalkulieren. In den meisten Fällen ist dies kein einfaches Unterfangen.

Es gibt sicherlich viele weitere Kehrseiten der Nachhaltigkeit. Speziell im Bauwesen. Politiker und Verbände fordern zwar immer, dass unsere Gebäude nachhaltiger werden sollen und schaffen Grundlagen für Zertifizierungsverfahren und Umweltdeklarationen, doch selbst die detailliertesten Checklisten zeigen Schwächen in den Grundlagen, ohne eine echte Garantie für die Nachhaltigkeit der verwendeten Baumaterialien oder Gebäude zu geben. Das Wissen von Ingenieuren, Architekten und Planern ist also nach wie vor gefordert, wenn es um die Wahl von Baustoffen und die praktische Handhabung des Begriffes der Nachhaltigkeit geht.

So gut ihnen dies eben möglich ist.

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