Recycling an der Fassade

Recycling, Ressourcenschonung, sortenrein, Ökologie, Rückbau, Nachhaltigkeit… Bingo. Dieses Spiel habe ich eben gespielt, als ich über einen Newsletter gestolpert bin, in dem ein neues Fassadensystem der Firma Sto, einem der führenden Hersteller von Fassadendämmsystemen, beschrieben wurde. Ein recyklierbares Fassadendämmsystem ist natürlich eine feine Sache, wenn man sich die Entsorgungsherausforderungen eines herkömmlichen Wärmedämmverbundsystems (WDVS) vor Augen hält. Die Intention ist prinzipiell eine gute. Filtert man jedoch ein wenig des üblichen Marketing-Tam-Tams heraus, ist der Ansatz dann immer noch so gut wie beschrieben?

In einem herkömmlichen WDVS wird der Dämmstoff häufig mit Klebemörtel an der tragenden Außenwand befestigt und der Fassadenputz wird direkt auf dem Dämmstoff aufgebracht. Diese beiden Verklebungen führen dazu, dass ein WDVS im Normalfall kaum sortenrein rückgebaut werden kann. Die Entsorgung eines solchen Systems ist entsprechend aufwändig.

Mit StoSystain R präsentiert Sto nun ein Dämmsystem, dass eigentlich kein reines WDVS ist. Es basiert vielmehr auf den Prinzipien einer vorgehängten hinterlüfteten Fassade (VHF) und kombiniert deren Vorteile mit einer Putzträgerplatte, die wiederum architektonische Freiheiten bietet wie ein WDVS. Der frei wählbare Dämmstoff wird hierbei mechanisch über Tellerdübel an der tragenden Wand befestigt und kann problemlos entfernt werden. Die Putzträgerplatten aus recykliertem Altglas werden ebenfalls ’nur‘ mechanisch vor der Dämmschicht gehalten.

Im vorgestellten System erfolgt diese mechanische Befestigung der Putzträgerplatten über Klettverschlüsse. „Kletten statt kleben“, wie Sto es nennt. Durch den Dämmstoff hindurch werden justierbare Befestigungselemente in der tragenden Wand verschraubt, auf deren tellerartigem Kopf eine Klettschicht aufgebracht ist. Eine velourartige Schicht auf der Rückseite der Putzträgerplatten dient der sicheren Befestigung der beiden Komponenten. Die Klettverbindung wurde so konzipiert, dass sie hohe Scherkräfte aufnehmen und damit die Eigenlasten der Fassadenbekleidung in den Untergrund übertragen kann.

Mit dieser Art der Befestigung gibt es auf der Baustelle weniger Dreck (kein Mörtel, nur noch Fassadenputz) und die Montagezeit wird verkürzt. Außerdem soll es möglich sein, verputzte Putzträgerplatten leicht und sortenrein von der Fassaden ablösen zu können. Doch kann man das?

Wenn ich mir vorstelle, dass die Klettverbindungen nicht nur das Eigengewicht der Fassadenbekleidung sondern auch Windlasten aufnehmen können soll, muss die Verbindung neben einem hohen Abscherwiderstand auch eine hohe Zugfestigkeit aufweisen. Eine hohe Zugfestigkeit im Klettverbund widerspricht jedoch meiner Vorstellung von der Möglichkeit einer leichten Demontage des System, zumal der Fassadenputz auf den Putzträgerplatten mit Gewebe armiert ist. Beide Aspekte erschweren einen Rückbau in meinen Augen erheblich.

Ein weiterer Aspekt für die Tragsicherheit des Systems kann der Brandfall sein. Hier schreibt Sto jedoch, dass man Lösungen im Rahmen einer europäischen Zulassung gefunden hat. Darüber hinaus bleiben für mich Fragen nach der Möglichkeit des Ausrichtens der Putzträgerplatten, so dass keine Fugen oder Versprünge zwischen den Platten entstehen, sowie der Druckfestigkeit der Klettverbindung, die ich aus dem Hausgebrauch als recht nachgiebig in Erinnerung habe. Und ich sehe ein paar logistische Probleme: werden die Velourschlingen der untersten Platten auf einer Palette durch das Gewicht der darauf liegenden Platten nicht zusammen gedrückt und wie wirken sich Verschmutzungen der Velourschicht auf die Tragfähigkeit aus?

Nun ja, ich gehe davon aus, dass Sto hierfür Antworten hat. Ich kenne sie nicht, aber ich denke, dass der prinzipielle Ansatz des Dämmsystems (auch wenn es kein wirkliches WDVS ist) kein schlechter ist. Man wird sehen müssen, wie der Markt darauf reagiert.

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Ein Kommentar

  1. Jenny Eckhardt sagt:

    Vielen Dank für den hilfreichen Beitrag. Ich habe mittlerweile ein Praktikum bei einem Bauunternehmen angefangen und versuche so viel Input wie möglich aufzunehmen. Demnächst muss ich eine Präsentation halten, die sich um das Recycling auf Baustellen handelt. Glücklicherweise bin ich auf diesen Artikel gestoßen.

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